Freitag, 15. April 2016

Zeit zu Reden - kurz & gut Andachten für's Radio geschrieben, hier veröffentlicht

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold – heißt es. Und da ist auch was Wahres dran. Denn Geschwätz und Gerede sind eine Belastung für alle, die es ertragen müssen. Eine große Plage ist das Reden übereinander. Hier ist nun wirklich Schweigen Gold.
Und doch behaupte ich, dass es Zeit wird, wieder miteinander zu reden.
Zu Reden im Sinne von offen und klar miteinander zu kommunizieren. Reden im Sinne von wahrhaftig sein.
„Eure Redesei Ja, Ja, Nein, Nein“ – fordert Jesus im Matthäusevangelium seine Hörer auf. Und er fügt hinzu: „Was darüber ist, das ist vom Übel.“
Ich werde misstrauisch, wenn Menschen anfangen, weitschweifend Handlungen zu rechtfertigen oder wenn sie nicht auf den Punkt bringen, was sie meinen. „Vermutlich traust Du Dich nicht, einfach Tacheles zu reden“ denke ich dann oft. Ich weiß, dass ich mit meiner direkten Art oft anecke, Leute irritiere. Das ist keine Absicht. Doch es ist mir wichtig, dass mein Gegenüber weiß, woran er mit mir ist. Und immer wieder wird mir gesagt, dass genau diese Geradlinigkeit sehr wohltuend ist.
Häufig scheitern Beziehungen an mangelnder Kommunikation. Der verbale Austausch beschränkt sich auf die Weitergabe von Informationen. Aber das ist kein Gespräch. Es sind Worte, die Mitteilung machen. Was fehlt ist der Gedankenaustausch, der Interesse am Andern deutlich macht.
Wenn Jesus seine Hörer zu Eindeutigkeit auffordert, dann will er damit nicht die Einsilbigkeit, sondern das Miteinander fördern. Der Mensch ist ein kommunikatives Geschöpf. Er zeichnet sich durch seine Fähigkeit aus, zu reflektieren, sich durch Worte mitzuteilen und sich zu entwickeln.
Natürlich gibt es Situationen, in denen es mir schwerfällt, klar und eindeutig zu sein. Doch gerade dann will ich mich erneut dazu auffordern und ermutigen lassen. Damit Kommunikation gelingt, damit Reden auch mal Gold sein kann.

Es wird also Zeit wieder zu reden – miteinander. 

Donnerstag, 14. April 2016

Zeit zum Lieben - kurz&gut Andachten für's Radio geschrieben, hier veröffentlicht

Er küssemich mit dem Kusse seines Mundes; denn deine Liebe ist lieblicher als Wein. Diese wunderbaren, innigen Worte der Liebe gehören zum sinnlichsten Buch der Bibel, das „Hohelied Salomos“ genannt.
Wer hätte das gedacht, dass in der Bibel solche Sätze wie Aufforderungen stehen? Als ich das erste Mal diesen Worten begegnete war ich sprachlos und zugleich zutiefst berührt.
In der Regel wird in unseren Breitengraden Gott als der Gesetzgeber verstanden. Als einer, dem es zuallererst um die Bewahrung von Glaubenswahrheiten und das Halten von Geboten geht. Und wenn doch mal von Liebe die Rede ist, dann doch nur von der selbstlosen Liebe, von der Liebe, die zuerst dem Feind gilt. Doch wer hätte dem Buch und damit Gott solche Erotik zugetraut?
Der Gott, an den ich glaube, der uns Menschen als fühlende, mitfühlende und erotische Wesen geschaffen hat, ist eben viel mehr als ein pragmatischer Gesetzgeber. Er hat die Liebe geschaffen und er liebt es, wenn Menschen einander lieben. Gott ist ein sinnlicher Gott, einer der uns mit Sinnen ausgestattet hat, die wir benutzen dürfen und sollen.
Natürlich geht es nicht nur um erotische Liebe, aber eben auch.
Als Gegenstück dazu gibt es einen weiteren ausdrücklichen Liebestext in der Bibel. Im erstenBrief an die Christen in Korinth schreibt der Apostel Paulus von einer Liebe, die alles überwindet. Einer Liebe, die langmütig und sanft ist. Die bereit ist zu vergeben und sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen. Einer Liebe, die keine Angst hat. Die den anderen als Geschöpf Gottes sieht. Als wertvoll und einzigartig, egal wo er herkommt, was er glaubt, was sein Leben bislang bestimmte. 
Der Gott, an den ich glaube, überwindet unsere Schranken, unsere Unfreiheit, unsere Angst. Er macht uns fähig zu lieben – sowohl sinnlich als auch mit dem Verstand.

Es wird Zeit zu lieben. Frei von Angst und Enge, offen, willkommen heißend, aus der Liebe Gottes heraus. Heute, jetzt.

Zeit für Erwartungen - kurz&gut Andachten für's Radio geschrieben, hier veröffentlicht

Mein erster Blick gilt morgens meinen Kindern. Sie haben ihre ganz eigene Art den Tag zu beginnen. In der Regel sind sie voller positiver Erwartungen. Klar, wenn Französisch auf dem Stundenplan steht, kann schon mal die Stimmung etwas sinken. Aber grundsätzlich sind sie erwartungsfroh gestimmt.
Sie stecken mich damit an. Den Tag mit positiven Erwartungen zu beginnen, ist eine gute Grundhaltung.
Man kann natürlich alle möglichen Erwartungen haben. Da steht das Gespräch mit dem Chef an, die Begegnung mit der Kollegin, die einem quer im Magen liegt. Oder vielleicht der nächste Arztbesuch, dem ich mit leichtem Unbehagen entgegensehe. Doch was nützt es, wenn ich mir all dies in den schillerndsten oder trübesten Farben ausmale? Es bringt mich nicht weiter.
Oft sind es genau diese negativen Erwartungen, die sich dann eben auch erfüllen. Sich selbst erfüllende Prophezeiungen nennt man das dann.
Doch wie kann ich das ändern? Wie kann ich lernen, was meine Kinder selbstverständlich tun: nämlich erwartungsfroh in den Tag, die nächste Begegnung, zum kommenden Arztbesuch gehen?
Die Bibel gibt mir Hilfestellung. In den Psalmen wird immer wieder die Erwartung ausgedrückt, dass Gott hilft. Gott als Tröster, Helfer, Freund, Beschützer. Da betet der Psalmbeter zum Beispiel: „Meine Seele sei stille zu Gott, der mirhilft.“ Oder auch: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mirHilfe? Meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“
Sicher sind die Erfahrungen eines Erwachsenen andere als die eines Kindes. Und sicher sind auch die Herausforderungen andere. Aber wir haben auch andere Möglichkeiten, mit diesen Erfahrungen und Herausforderungen umzugehen. Wir können unsere Erwartung steuern. Warum dann nicht von Gott erwarten, dass er hilft, aufrichtet, stärkt, ermutigt?

Es ist die Erfahrung der Psalmbeter, dass die Erwartung an Gott nicht enttäuscht wird.  Warum es also nicht versuchen?

Zeit zu vertrauen - kurz&gut Andachten für's Radio geschrieben, hier veröffentlicht

„Woher kommt Vertrauen?“ – titelte unlängst eine große Wochenzeitung und verwies auf ein körpereigenes Hormon, das uns vertrauen lässt. Das Oxytocin. Dieses Hormon kann sogar künstlich hergestellt werden.
Man stelle sich nur einmal die Möglichkeiten vor: Menschen, die über sich hinauswachsen. Deren Selbstvertrauen gestärkt wird, und die sich damit Dinge zutrauen, die sie sonst nie gewagt hätten. Fantastisch!
Doch so einfach ist es nicht. Vertrauen kann nicht rational begründet werden. Es geschieht mehr aus dem Bauch heraus. Dabei spielen Erfahrungen eine wichtige Rolle. Und es gibt Erfahrungen, die es schwer machen zu vertrauen.
Die Bibel weiß davon mehr als ein Lied zu singen. Immer und immer wieder ist in den verschiedenen Büchern von Vertrauen und Enttäuschung die Rede.
„Ich abertraue darauf, dass du gnädig bist“ – bekennt der Beter in Psalm 13. Alles Äußere spricht gegen ihn und vor allem gegen Gott. „Herr, wie lange willst du mich so ganz vergessen?“ So beginnt er zu beten.
Den anderen, ja, auch Gott, zu fragen, wie lange noch, zeugt von Vertrauen. Vertrauen, dass es eine Antwort gibt. Oder zumindest Entlastung. Wer fragt weiß nicht, wie die Antwort aussieht, aber er hofft, dass es überhaupt Antwort gibt. 
Oft wird Vertrauen mit Wissen verwechselt. Mit Beweis und  Erkenntnis. Doch Vertrauen ist seinem Wesen nach mehr Hoffnung und Glauben, es ist der Wille, sich verletzlich zu zeigen.
Das Oxytocin, so schließt der Artikel der Wochenzeitung, ist nicht das Wundermittel, für das man es halten könnte. Es verstärkt bestehende Empfindungen, schafft aber keine neuen. Wo es kein Vertrauen gibt, wird Oxytocin kein Vertrauen schaffen.
Ich bin also selbst gefragt, einmal mehr zu vertrauen, einmal mehr zu hoffen, einmal mehr zu glauben. Vielleicht jeden Tag ein wenig Kontrolle loszulassen.

Vielleicht wenigstens heute. 

Zeit zum Staunen - kurz&gut Andachten für's Radio geschrieben, hier veröffentlicht

Mein kleiner Sohn und ich im Zug von Bremen nach Berlin. Für ihn ein Abenteuer. Schon die Aufregung am Morgen, als es losging und wir uns auf den Weg zum Bahnhof machten. Der erste Zug war blau, der zweite weiß, zwischendurch fuhren mit viel Krach Güterzüge an uns vorbei. Die vielen Menschen, das Geruckel, der Koffer, den der kleine Mann unbedingt selbst ziehen wollte. Alles brachte ihn zum Staunen. Und dieses Staunen zeigte er, indem er mir davon erzählte oder einfach stehenblieb, um etwas genauer in Augenschein zu nehmen.
„Wann hast du eigentlich aufgehört, Zugfahrten als Abenteuer zu erleben?“ fragte ich mich. Wenn ich mich mit öffentlichen Verkehrsmitteln von A nach B bewege, erlebe ich auch Aufregung. Doch ist diese oft negativ. Wenn ich mich zum Beispiel ärgere, dass die Bahn mal wieder verspätet ist. Oder wenn überfüllte Züge mir den letzten Nerv rauben. Wenn ich mich um meinen reservierten Platz streiten muss und und und.
Auf unserer Fahrt nach Berlin lief längst nicht alles glatt und theoretisch hätte ich auch Grund zum Ärgern gehabt. Doch das Staunen meines Sohnes, seine Neugier und Begeisterung, hielten mich davon ab. Das erinnert mich an einen Ausspruch Jesu, der mich schon oft innehalten ließ.
„Wenn ihrnicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen“ – sagt Jesus zu seinen Jüngern. Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder…
Kinder sind eben anders. Klar, sie ärgern sich auch mal. Aber sie lassen sich davon nicht das Ganze verderben. Sie erleben die Welt um sich her noch als Abenteuer. Sie haben nicht schon für alles Kategorien und Erwartungen, sondern lassen sich noch überraschen. Ihr Horizont ist noch weit und groß. Unmögliches? Gibt es nicht.
Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder. Staunend durch das Leben gehen. Sich an den kleinen Dingen freuen. Stehen bleiben, wenn ein Güterzug vorbeidonnert. Wann haben Sie das letzte Mal die Wagen eines Güterzuges gezählt? Als Kinder machten wir das doch oft. Wann immer einer dieser großen, schweren Züge kam, gab es kein Halten. Wir zählten die Waggons und malten uns aus, was da wohl drinnen wäre und wohin die Reise ginge.

Die Welt ist nicht schwarz und weiß. Sie ist bunt. Sie lädt uns ein, zu staunen und Dinge und Menschen wieder neu zu entdecken. Uns und sie aus unseren vorgefertigten Haltungen zu entlassen. Ich wünsche mir und Ihnen eine Woche des Staunens.

Samstag, 3. Oktober 2015

Grund zur Dankbarkeit

In diesen Tagen gibt es einigen Grund, dankbar zu sein. 
Heute feiern wir 25 Jahre Wiedervereinigung. Was wäre, wenn es dieses Ereignis nicht gegeben hätte? Wo stünden wir heute? Sicher ist diese Frage nur sehr begrenzt ernst zu nehmen, gibt es doch keine Antwort darauf. Aber sie kann uns helfen, einmal zu reflektieren, welch unfassbare Gnade wir in unserem Land erfahren haben. Es war keineswegs klar und unaufhaltsam, dass sich die beiden deutschen Staaten vor zweieinhalb Jahrzehnten wieder vereinten. Ein Grund für mich, zu staunen, zu freuen, nachzudenken, zu resümieren. Nun wächst zusammen, was zusammen gehört - so hieß es damals. Doch ist dem wirklich so? Spätestens mit dem Mauerbau am 13. August 1961 begann auch eine Entwicklung, in der sich die Deutschen sowohl in Mentalität als auch in Wertvorstellungen und Traditionen voneinander entfernten. Ganz nebenbei wurde dieser Ausspruch Willy Brandts aus dem Kontext gerissen und für die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten verwendet. Und doch: Dass wir heute mit Staunen und Dankbarkeit auf die Zeit des Zusammenwachsens (das noch lange nicht abgeschlossen ist), blicken können, ist für mich nicht selbstverständlich. Umso wichtiger ist mir unser solidarischer Umgang mit den Menschen auf der Suche nach Sicherheit und Frieden. Wir haben viel zu geben - ein Grund zur Dankbarkeit.

Morgen feiern wir Erntedank. Sicher, ich lebe in der Stadt, meine Begegnung mit Feldfrüchten und dem Ergebnis der Ernte beschränkt sich vornehmlich auf den Einkauf von Lebensmitteln. Wenn ich es schaffe, den Wochenmarkt aufzusuchen, gelingt es mir noch am ehesten, den Zusammenhang zwischen den Jahreszeiten und dem Ernteertrag herzustellen. Und doch löst dieser Tag jedes Jahr aufs Neue Dankbarkeit aus. Ich danke Gott für die Fülle, aus der ich leben kann. Ich danke Gott für den Rhythmus des Lebens, des Jahres, des Tages. Solange die Erde steht, sollen nicht aufhören Saat und Ernte, Sommer und Winter, Frost und Hitze, Tag und Nacht. Diese Zusage steht in der Bibel, ganz am Anfang, im ersten Buch Mose.
Es gehört zu den wichtigen Dingen in meinem Leben, diesen Lebensrhythmus wahrzunehmen. Er gehört zur Schöpfungsordnung Gottes, die zutiefst lebenspendend ist. Ein Grund zur Dankbarkeit. 

Schließlich: Schaue ich mich in meinem Leben um und entdecke die vielen kleinen und großen Schönheiten, die Begegnungen und freudigen Erlebnisse, die Zeiten der Freude und die des Kummers, die Momente tiefsten Glücks und die schier unaushaltbarer Traurigkeit, entdecke ich jede Menge Grund dankbar zu sein. 

Mit diesem Grundgefühl möchte ich diesen Herbst erleben und gestalten, und ich lasse mich überraschen, was mir dabei alles begegnet.

Freitag, 10. Juli 2015

Nun geht sie


Vor etwa neunzehn Jahren begann das größte Abenteuer meines Lebens - ich war schwanger, und es sollte sich als die spannendste und schönste Zeit meines Lebens herausstellen, Mutter zu sein.

Als meine Große auf die Welt kam war Winter; Februar um genau zu sein. Und es war ein wirklich unwirtlicher Monat, den sich mein Kind zum geboren werden ausgesucht hatte. Bis heute gehört der Monat Februar nicht zu meinen Lieblingsmonaten, und ich gehe jede Wette ein, dass der Valentinstag auch nur deshalb im Februar begangen wird, weil man sich in diesen dunklen Tagen einfach gegenseitig Erhellendes sagen muss. Was ist da schöner als ein mit Blumen und Pralinen untermaltes "Ich liebe dich"? 
Sei's drum, der Februar ist ein Monat, auf den ich verzichten könnte, wäre da nicht...

...ja, wäre da nicht die Geburt meines ersten Kindes, meiner ersten Tochter. Als sie im Februar das Licht der Welt erblickte ging die Sonne auf und seither nie wieder richtig unter. Allein ihre Existenz gibt dem Monat einen Schein, der unbeschreiblich ist.

Achtzehn Jahre ist sie nun alt. Sie hat ihr Abi in der Tasche und demnächst wird sie ihre Koffer packen und für ein Jahr nach Israel gehen.

Cuxhaven - alte Liebe 2015
Für sie beginnt ein großes Abenteuer, für mich auch. Denn nun heißt es, sie von Herzen gern ziehen zu lassen, meine Gebete und guten Wünsche um sie herum zu legen, ihr all das zuzutrauen, was sie sich vorgenommen hat und noch mehr. Es heißt, Tränen des Abschiedsschmerzes zu vergießen (aber nicht zu viele), es heißt, sich zu erinnern, welch großartige Zeit wir miteinander hatten. Es heißt, die Lücke, die auch ihre Geschwister spüren werden, nicht ausfransen zu lassen, sondern mit Wertvollem zu füllen. Wertvolle Gemeinsamkeiten, wertvolle Begegnungen, wertvolle Zeit allein...

Ich vermute mal, jedes Kind das geht löst Trauer und Verlustschmerzen aus. Doch das erste kommt etwas unvermittelt, überraschend, ohne eine Idee davon, wie es sein und werden könnte. Später kann ich auch auf meine Erfahrungen mit dem Abschiednehmen und Loslassen zurückgreifen. Aber im Moment, in diesen Tagen ist es eben das erste Mal.


Was mache ich mit der Trauer der Geschwister? Wahrnehmen, zulassen, mittrauern, erinnern, vergewissern, dass Kontakt dank der vielfältigen Möglichkeiten nicht nur möglich, sondern sogar recht einfach ist...

mit meiner Großen vor dem Sendessal Bremen beim Amaryllis-Konzert
Und schlussendlich werde ich es sehen, wenn es dann soweit ist. Wenn sie gegangen und der Alltag eingekehrt ist. Wenn der Sommer in den Herbst übergeht und die Weihnachtszeit ranrückt - verbunden mit ungezählten Erinnerungen an ihr schönes und ansteckendes Lachen, ihre Lust am Advent, am Plätzchen backen, Krippe aufstellen, Baum kaufen, Geschenke verpacken, Ente braten, Wein genießen...

Sie geht - das stimmt. Und damit hinterlässt sie eine Lücke, die wir gestalten müssen und werden. Aber sie geht in ihr eigenes großes Abenteuer und das macht mich, neben dem Schmerz, unendlich stolz auf meine wunderbare Tochter, die es einfach kann: Aufbrechen in ihr eigenes Abenteuer.




Und wenn sie mich hin und wieder teilhaben lässt, werde ich es voll und ganz genießen...



Donnerstag, 2. Februar 2012

Aus gegebenem Anlass ...





Glaube, Hoffnung, Liebe - diese drei. Die Liebe aber ist die Größte unter ihnen! (die Bibel, 1. Brief an die Gemeinden in Korinth, Kapitel 13, Vers 13)

Mittwoch, 22. Dezember 2010

Liebe ist ...

rechtzeitig zum Fest der Liebe ...

Samstag, 18. Dezember 2010

Halleluja

Das Jahr ist schon wieder fast vorbei und wie immer bin ich doch etwas überrascht. Es kommt mir wie gestern vor, dass der Jahreswechsel war. Wenn ich mich im vergangenen Jahr umschaue, wird mir allerdings auch klar, warum es sich "so schnell anfühlt". Ich habe lauter erste Dinge getan: meine erste Vikariatstagung, meine erste Taufe, meine erste Trauung, mein erster ökumenischer Gottesdienst in Knoops Park, mein erstes "durchgeprdigtes" Kirchenjahr, mein erster Sommer in Lesmona, meine ersten Versuche am Altsaxophon ...
Es ist unglaublich, was alles passieren kann, was man erleben und verkraften kann und wie wenig davon aktiv "hängen" bleibt. Ich meine, ich musste mich erst bewusst erinnern, nichts davon lag oben auf - außer vielleicht das Saxophon. Aber das muss, denn ein Instrument muss ja immer wieder "traktiert" werden, soll es nicht zum Staubfänger verkümmern.
Doch obwohl so viel los war, fühle ich mich nicht gestresst. Im Gegenteil, ich bin recht entspannt. Das war seit langem eine meiner großen Sehnsüchte: die Zeit des Advent als besinnlich im besten Sinne zu erleben, dabei zur Ruhe zu kommen und mich auf das Wesentliche besinnen können. Es ist gelungen - bis hierher zumindest.

Ein Flashmobvideo, das ich in den letzten Wochen gesehen habe, hat in mir neue Sehnsüchte geweckt und verstärkt. Dieses Video habe ich hier eingebettet, damit es mir in der Fülle meiner Eindrücke nicht verloren geht.



Ich habe Sehnsucht nach guter Chormusik, Sehnsucht nach etwas Besonderem, das ich erlebe, Sehnsucht nach großer Aufmerksamkeit für die beste Nachricht aller Zeiten: das Gott Mensch wurde, damit wir leben können - auch über unser irdisches Dasein hinweg, Sehnsucht nach echter Veränderung in unserem Land, Sehnsucht nach Aufbruch in unserer Gemeinde, Sehnsucht nach der Sehnsucht, Gott mit ganzer Hingabe zu lieben, ohne mich dabei zu knechten, sondern so, wie ich eben lieben kann. Es sind eine ganze Reihe Sehnsüchte, ich weiß. Aber wer keine Sehnsucht mehr hat, wer nicht mehr träumt, bleibt stehen und verkümmert, im wahrsten Sinne des Wortes.
Ich wäre auch gern mal Teil eines solchen Flashmobs, wie er oben zu sehen ist, oder würde ihn zumindest gern mal erleben.

Doch meine erste Sehnsucht und Hoffnung gilt diesem Weihnachtsfest. Ich wünsche mir, dass es ein friedliches Fest wird, dass Menschen, die allein sind, nicht allein bleiben müssen, dass ich wachsam bin, um die Aufgaben zu sehen, die Gott mir direkt vor die Füße legt und sie dann nicht nur zu sehen, sondern mich auch an ihre Erfüllung zu wagen.
In diesem Sinn wünsche ich frohe und gesegnete Advents- und Weihnachtstage.

Donnerstag, 28. Oktober 2010

Gnade Gottes ohne Kleingedrucktes

Heute morgen war ich frühstücken - so richtig lecker und so richtig nett. Wobei ich an dieser Stelle betonen möchte, dass nett in diesem Fall NICHT die kleine Schwester von Sch... ist, sondern das Wort in seinem eigentlichen Wortsinn meint. Nett, weil ich auf meine Kollegen aus Bremen und umzu traf. Nett, weil es nette Gespräche mit viel Gelächter, Zuhören, Anteilnahme, Fröhlichkeit, etwas Ironie, Humor und Zuspruch gab. Nett, weil der Weg dorthin schon eine Freude war. Nett, weil das Grundstück der Gemeinde in Bremen-Blumenthal echt schön gelegen ist und ich das Gefühl hatte, schon fast außerhalb Bremens zu sein. (Allerdings befürchte ich, dass es auch wirklich fast außerhalb war.) Und nett, weil es beim Frühstück alles gab, was ich beim Frühstück gern esse - außer Eier, aber das ist in Ordnung. Zu viel des Guten wäre auch nicht gut!

Tobias Ennulat - Pastor eben jener Gemeinde hatte eine kleine Andacht vorbereitet. Am wichtigsten war mir dabei die Aussage, dass wir die Gnade Gottes ohne Kleingedrucktes verkünden sollten. Denn die Gnade Gottes gibt es tatsächlich ohne kleine fiese "aber's", "wenn - dann's", "Selbstbeteiligungen" und und und. In Anbetracht der Tatsache, dass wir am Sonntag einen Gottesdienst zum Reformationstag feiern werden, konnte ich diese Formulierung sogar noch für meine Predigt nutzen. Doch was mich am meisten begeistert und bewegt hat:

Gottes Gnade, seine Gerechtigkeit, ist für uns unverfügbar. Wir können nichts tun, damit wir gerecht sind, darum sind wir von der Gnade abhängig.

Das müssen auch und vor allem all die hören, die hoffen, durch irgendwelche frommen Übungen, demütigen Lebensweisen und richtigen Taten sich einen Vorteil zu verschaffen. Liebe Leute, es ist UNMÖGLICH, auch nur ein µ für uns entscheiden zu können. Gnade heißt Gnade, weil man nichts dazu tun kann, sie zu erlangen. Gnade ist unverfügbar, nicht einklagbar, mit nichts zu kaufen - Gnade liegt voll und ganz in der Macht dessen, der gnädig ist - oder eben nicht.
Ich rede hier von der Gnade Gottes, die in direktem Zusammenhang zur Gerechtigkeit Gottes steht. Gerechtigkeit ist keine Eigenschaft des Menschen, Gerechtigkeit ist eine Eigenschaft Gottes - schreibt Holger Finze-Michaelsen im aktuellen homiletischen Monatsheft. Und weiter: "Und die gibt er (Gott) nicht auf. Wollte er sie in dem Sinne ausüben, dass er die Guten belohnt und die Bösen bestraft - wer wäre dann so gut, dass er ausschließlich Belohnung verdient hätte? 'Sie sind allesamt Sünder.' Das heißt: Der Gottlose ist dem Frommen gleichgestellt." Das nenne ich mal harten Tobak!
Ist es denn dann egal, was ich glaube, wie ich lebe, worauf ich meinen Fokus richte, was mein Leben ausmacht?
Hier kommt die Erkenntnis Luthers ins Spiel:
„Das Evangelium macht ganz deutlich, wie man mit Gott wieder klarkommen kann. Und zwar nur dadurch, dass man sein Vertrauen auf Gott setzt. Es steht ja schon im Buch Gottes geschrieben: „Wer sein Vertrauen auf Gott setzt, wird leben“.

Brief an die Gemeinden in Rom, Kapitel 1, Vers 17 nach einer sehr modernen Übersetzung.
Den Text der Lutherübersetzung findest du hier.

Ist das nun das Kleingedruckte?
Nein! Denn das ist das Evangelium. Wer auf Gott vertraut, sich auf ihn verlässt, der wird erleben, dass Gott gerecht und gnädig ist. Wenn das kein Grund zu tiefer Dankbarkeit und großem Jubel ist, dann weiß ich auch nicht.
Mehr braucht es nicht - allerdings auch nicht weniger, um die Trennung von Gott zu beenden, die ewige Hetze nach dem Mehr, die Jagd nach Anerkennung, die Trauer im Versagen zu ertragen und zu überwinden. Nicht auf einen Schlag, nicht ganz plötzlich und ein für alle Male - aber immer wieder und immer wieder mit der selben Gewissheit, dass Gottes Gnade größer ist als alles, was ich mir an Schuld, Versagen und Leid aufgeladen habe.

Mittwoch, 27. Oktober 2010

Treue?

Ich habe es noch nie geschafft, ein Tagebuch konsequent zu führen. Warum also sollte mir das mit diesem Blog hier gelingen?
Es ist fast ein Jahr vorbei, seit ich das letzte Mal hier was veröffentlicht habe. Und mir hat nichts dabei gefehlt. Und doch wünschte ich mir mehr Kontinuität für mich. "Ich wär gern besser als ich bin, ist nicht schlimm, ich kriegs nicht hin" singt Annette Humpe von "ich & ich" und ich fühle mich in dieser Aussage sehr verstanden.
Und doch oder gerade deshalb starte ich nach mehr als einem dreiviertel Jahr "Abstinenz" einen neuen Versuch.

Mehr als ein Jahr Hauptverantwortung, berufliche Herausforderung, Anlaufstelle, Kummerkasten, Berater, Visionär, Hoffnungstifter, Meinungmacher, Abarbeitungsobjekt - mehr als ein Jahr Pastorin einer christlichen Gemeinde. Was für eine Zeit!
Gemeinde Christi ist ein Wahnsinnsabenteuer. Viele Menschen, viele Meinungen, viele Erwartungen. Viel Hoffnung, viel Liebe, viel Menschlichkeit, viel Mut.Viel Arbeit, viel Freude, viel Last und viel Lust.
Gemeinde Christi ist das radikalste Experiment, das ich mir denken kann. Das habe ich in meinem ersten Vikariatsjahr erlebt und das prägt mich und mein Selbst- und Fremdverständnis.
Vor einer Woche war ich im Kloster. Es war eine sehr ruhige und doch spannende Zeit, voller Gottes- und Selbstbegegnung. Mir selbst zu begegnen ist nicht so einfach, habe ich festgestellt und Freude und Leid liegen da nahe beieinander. Allein schon die Erkenntnis, dass ich in mir alte Verletzungen "spazieren" trage und obwohl ich dafür immer wieder bete und darum ringe, das diese Verletzungen doch endlich heilen können, verschafft es einiges an Befriedigung, dem anderen wenigstens intern sein Fehlverhalten unter die Nase reiben zu können. Nur leider ist das Gefühl des "Friedens" ein trügerisches und nicht von langer Dauer. Und dann? Na klar, auf und von vorn. Dem anderen sein Tun oder Lassen unter die Nase reiben zu können, verschafft Beschäftigung und gibt mir das Gefühl von etwas Macht. Und das ist das eigentlich Kranke daran. Einen Menschen, der mir quer liegt oder mich verletzt hat, mit meinem Stolz und meiner Unfähigkeit, zu vergeben, zu knechten, in Ketten zu legen. Und wenn man nicht ausgesprochene Gnade erlebt, hält man diesen "Knecht" ein Leben lang in Ketten. Doch wer braucht die Gnade? Der Knecht? Der vielleicht auch. Doch zuerst ich. Denn mit meinem Stolz und meiner Unvergebenheit, mit dem Willen, an den Wunden festzuhalten und sie auf keinen Fall sich schließen zu lassen, mache ich mich schuldig. Denn ich verhindere die Beziehung zu diesem Menschen. Und das ist Schuld - oder Sünde, wie die Bibel sagt.
Oft frage ich mich, warum viele Menschen heute auf der einen Seite eine große Sehnsucht nach Gemeinschaft, gegenseitige Unterstützung, Gerechtigkeit haben und auf der anderen Seite zu allererst danach trachten, ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen. Vielleicht hat es was damit zu tun, dass wir immer an den alten Erfahrungen festhalten, ihnen keine Chance lassen, in Vergessenheit zu geraten oder überholt zu werden. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass wir immer wieder erleben, dass die kurzfristige Antwort auf Selbstlosigkeit, Hohn und Spott ist, dass es einfach merkwürdig anmutet, wenn ein Mensch sich für einen anderen einsetzt, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Könnte das auch der Grund dafür sein, dass der Glaube an Jesus Christus heute keine Rolle mehr zu spielen scheint? Kann es sein, dass es schlicht unmöglich zu sein scheint, dass es Liebe und Annahme, Trost und Hilfe, Geborgenheit und Zuflucht ohne Leistung gibt?
Gemeinde Christi ist und bleibt spannend - gerade wegen der Herausforderung, die unbedingte Annahme des Menschen durch Gott zu leben, zu verkünden und angesichts der Vielfalt der Optionen auch anzunehmen.


Gut, das in aller Kürze. Es ist spät und ich werde meinem Tag an dieser Stelle ein Ende setzen.
Vielleicht werde ich doch treu und komme bald wieder, wer weiß das schon ...

Donnerstag, 17. Dezember 2009

Hört der Engel helle Lieder

Langsam wirds auch in mir weihnachtlich. Ich bereite mich auf die Christvesper vor, plane den Ablauf, meditiere den Predigttext.
Der erschien mir zunächst ausgesprochen unpassend zum Heiligen Abend. Aber nun bin ich schon etwas versöhnter. Aus dem Brief an Titus, Kapitel 2 - mir wäre eher nach Evangelium gewesen, aber ich lass mich drauf ein und prompt wird es weihnachtlich.
Gottes Menschenfreundlichkeit ist uns allen erschienen - das ist kein Kitsch und keine Utopie, das ist REALITÄT!


"Denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen und nimmt uns in Zucht, dass wir absagen dem ungöttlichen Wesen und den weltlichen Begierden und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben und warten auf die selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und unseres Heilandes Jesus Christus, der sich selbst für uns gegeben hat, damit er uns erlöste von aller Ungerechtigkeit und reinigte sich selbst ein Volk zum Eigentum, das eifrig wäre zu guten Werken." (Tit 2,11-14)

Ein Monstersatz, der es in sich hat; man muss ihn auflösen, um ihn verstehen zu können:

Die Gnade Gottes - seine Menschenfreundlichkeit
Gott als Krippenkind, das uns verzaubert, in den Bann zieht, fasziniert, und ganz und gar nicht kitschig ist.
In Zucht nehmen, besser: erziehen - Orientierung und Halt geben, Verständnis und Zutrauen schenken und immer wieder Ermutigen - DAS ist das Ziel, das Wesen von Erziehung. Das verändert die Menschen.
Die Folgen: Gottes Menschenfreundlichkeit will uns verändern, nicht im Unverbindlichen lassen. So wie wir freundlich angeschaut werden, können wir andere freundlich anschauen und freundlich sein.
Unsere Begierden stehen als hartes Gegenüber, brauchen Begrenzung, Heilung, Korrektur.
Jesus ist das Gegenüber dieser Begierden, der Begrenzer, Heiler, das Korrektiv in Liebe.
Dorothee Sölle hat mal gesagt:
Christ sein heißt, das Recht haben, ein anderer zu werden!
Weihnachten ist für mich Hoffnung auf ein freies Leben, auf Veränderung, die mich nicht knechtet.

Und dann habe ich ein Lied wiederentdeckt und ein Arrangement, das mir Weihnachten ins Haus gebracht hat:

http://www.youtube.com/watch?v=wom-yTyBQZM&NR=1

Also nichts wie los, Weihnachten steht vor der Tür. Gott wurde Mensch, damit wir mit ihm leben können. Der Erlöser ist da!

Freitag, 4. Dezember 2009

im Rausch der Zeit

Dieses Video hatte ich vorgestern in meinem Adventskalender ...

http://www.youtube.com/watch?v=pydaov5X0hk&feature=player_embedded

Könnte ich mir immer wieder anschauen.

Donnerstag, 3. Dezember 2009

Freiheit

Albert Camus hat einmal gesagt

Die Freiheit besteht in erster Linie nicht aus Privilegien, sondern aus
Pflichten.

Diesen Satz muss man sich mal langsam auf der Zunge zergehen lassen. Ich habs getan und tue es immer noch und irgendwas schmeckt besonders. Ist es die Absolutheit in seiner Formulierung? Ist es die Ahnung, dass das Verstehen des Satzes die ganze Welt verändern könnte? Auf der Zunge zergehen lassen, den Satz begreifen, ihn durchdringen. Ich bin überrascht, wie sehr ein einziger Satz mich beschäftigen und beeindrucken kann. Und wie sehr ich mich durch ihn hinterfrage.

Camus war ein Philosoph und ich bin weit davon entfernt, ein ebensolcher zu sein. Doch ich werde das Gefühl nicht los, dass es sich hier um mehr als eine nette Aneinanderreihung von Worten handelt. Es ist mehr als die Kunst des Literaten.

Freiheit. Die meisten Menschen denken vermutlich: Was Freiheit ist, bestimme ich immer noch selbst. Oder: Solange du meine Freiheit nicht bedrohst und einschränkst, können wir miteinander auskommen.

Privileg oder Pflicht?

Es ist beides und das wird auch deutlich, doch es ist eben das eine mehr als das andere und diese Gewichtung, maße ich mir an zu behaupten, ist nicht Mainstream.

Da muss ich dran bleiben:
Freiheit besteht in erster Linie nicht aus Privilegien, sondern aus Pflichten.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - die Maxime der französichen Revulotion. Ich habe darüber bei Ulrich Wickert gelesen und mir ist klar, Freiheit ist das höchste Gut, das wir Menschen haben. Doch können wir damit überhaupt umgehen? Ist es nicht eher so, dass wir Freiheit mit Freizügigkeit und Beliebigkeit, Gleichheit mit Gleichgültigkeit verwechseln? Brüderlichkeit oder auch Solidarität klingt heute eher abgefahren. Es reicht doch, wenn man sich um die Seinen bemüht - oder?

Freiheit bedeutet Verantwortung. Verantwortung für meinen Lebensstil und Verantwortung für das, was um mich herum passiert. Freiheit - 20 Jahre nach dem Mauerfall ist sie immer noch oder schon wieder etwas Besonderes, etwas, um das wir uns bemühen müssen, das uns Pflichten auferlegt. Doch ich glaube, dass diese Pflichten nicht bitter sind. Es sind Dinge, die einfach zum Menschsein dazu gehören. Der Mensch ist immer insofern Mensch, wie er bereit ist, dem anderen Wertschätzung, Respekt und Gemeinschaft zu geben.

Es gibt noch viel, was mir durch den Kopf geht - was so ein einzelner Satz alles auslösen kann. Ich bin tatsächlich überrascht. Doch für den Moment erst einmal genug.

Dienstag, 24. November 2009

so schön, schön war die Zeit

Ich habe tolle Tage hinter mir.
Ja, ich war auch krank, und das war nicht so schön. Aber meine Freundin Kiwi kam und wir hatten eine sehr intensive Zeit, mit viel Reden und auch Schweigen und vor allem Alltag leben. Wenn man einen Freund hat, mit dem so etwas gelingt, kann man sich als reich beschenkt bezeichnen. Und ich bin so reich beschenkt.
Mir ist aufgefallen, dass ich von Bremen noch nicht allzuviel weiß und kenne. Das ist sicher auch kein Wunder, denn ich müsste mir, um das zu ändern, explizit frei nehmen. Also habe ich etwas von der Zeit mit Kiwi genutzt, um ein wenig mehr "Einblick" in Bremen zu bekommen. Wir waren im Schnoor - ein unglaublich schönes Eckchen mitten im Zentrum. Uralte Häuschen, süße Geschäfte. Und die Sonne schien - hin und wieder. Obwohl es den Rest der Zeit regnete und ich den Eindruck hatte, dass es nie wieder hell wird, waren es sechs wundervolle Tage, die ich mit Kiwi verbrachte.

Und ich war in Elstal, auf einem Symposium, einem THEOLOGISCHEN Symposium.
Gerechtigkeit und gute Werke - Überlegungen zur Bedeutung diakonischen Handelns für die Glaubwürdigkeit der Glaubenden, so das Thema dieses Symposiums am Theologischen Seminar. Es war großartig. Sehr gute Vorträge, interessante Aussprachen und ich habe gemerkt, wie sich mein Profil verschärft hat. Wenn DAS nicht ein grandioses Erlebnis ist, dann weiß ich auch nicht. Ich weiß nun, dass ich tatsächlich noch weniger Lutheranerin bin, als ich dachte. Ich hätte nie geglaubt, dass in mir ein kleiner Pietist lebt. Aber so ist es und ich schäme mich nicht dafür - ich bin nur etwas überrascht. Aber vielleicht muss ich darüber noch etwas reflektieren. Auf jeden Fall ist für mich klar, dass mein Glaube an Jesus Christus tätige Wirkung haben muss - auch um glaubwürdig zu sein, vor allem aber, weil es eine notwendige Reaktion ist, wie etwa auf das Einatmen das Ausatmen folgen muss, will ich leben. Tätige Wirkung meint für mich aber keine Frömmigkeitsübungen im klassischen Sinn (von daher also doch keine Pietistin), sondern getreu dem Matthäusevangelium, Kapitel 25 ab Vers 31 - "was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, habt ihr mir getan" - geht es nicht anders, als den Menschen Mensch zu sein, und zwar aus der Liebe Gottes zu mir heraus.

In Elstal traf ich auch auf liebe Freunde und wohnte bei tollen Menschen. Lea und Wencke gilt mein herzlicher Dank für ihre Gastfreundschaft. Genauso toll, wie Freunde zu haben, mit denen man Alltag leben kann, ist es nämlich, Freunde zu haben, die einem ein Heimatgefühl geben können. Ich habe die Zeit sehr genossen.

Nun hat der Alltag mich wieder und ich muss/ darf mich auf das Bibelgespräch, den Gemeindeunterricht und den kommenden Sonntagsgottesdienst vorbereiten, bei dem ich diesmal die Moderation übernehme - es predigt Volker Bohle, von der EBM. Darauf freue ich mich schon sehr - vor allem auf unsere Begegnung...

Dienstag, 27. Oktober 2009

Ich mag Kinder

Ja, entgegen allen bisherigen Aussagen meinerseits muss ich bekennen: "ich mag Kinder".
Vor allem dann, wenn sie so cool sind, wie "meine" Gemeindeunterrichtkids.
Sie wagen es noch, ihre frommen Richtigkeiten zurückzustellen und ihre wahren Gedanken und Unverständnisse zu formulieren. Wie cool ist das denn!
Diese fast-Teens sind mutig und verstehen, dass sie nicht alles glauben dürfen, was ihnen als einzige Wahrheit verkauft werden soll. Ich meine mal im Ernst, wenn wir es nicht wagen, unsere Vorstellungen und Vorverständnisse zu hinterfragen und auf den Prüfstand zu stellen, wie sollen wir jemals eine befreite Gottesbeziehung haben und leben?
Ich versuche gerade, eine solche Beziehung zu Gott zu entwickeln. Ich meine Gott hat diese Beziehung zu mir ja längst, doch MEINE Vorstellungen von IHM/IHR sind oft so begrenzt, dass Gott zu einem Götzen zu verkommen droht. Wie habe ich neulich in einem Video zu emerging church gesehen: "ich glaube, dass unsere Kirche viel zu klein ist für diesen großen Gott". Ja, ich bin Teil dieser Kirche und meine Denke ist auch viel zu klein für diesen großen Gott. Doch die Kids im Gemeindeunterricht trauen sich, wenn man sie lässt, alle einengenden Vorstellungen über Bord zu werfen und Fragen zu stellen.

Ich lese gerade "Die Hütte - ein Wochenende mit Gott" und ich kann nur sagen, ein Muss für jeden, der Fragen hat. Wer seine begrenzte Vorstellung von Gott erweitern will, sollte dieses Buch gelesen haben. Auf dem Cover steht in etwa: Dieses Buch verändert alles. Ja, das stimmt, ich erlebe es so und ich bin begeistert davon.
Gott will, dass wir ein befreites und von ihm/ihr abhängiges Leben führen. Das will ich auch. Und ich will meinen Gott größer verstehen. Klar, kognitiv ist das ja auf jeden Fall möglich. Doch was ist mit meinem Herzen, mit meiner Seele? Verstehe ich mit meinem ganzen Sein, dass Gott größer ist, als ich denken kann? Selbst wenn ich mir noch so große Mühen gebe, ich kann diesen Gott nicht ergreifen. Aber das macht mir keine Angst mehr.
Morgen werden wir in der Bibelstunde anfangen, mit den Sendschreiben an die Gemeinden aus der Offenbarung des Johannes zu arbeiten. Das wird sicher sehr gut - wenn wir es schaffen, den Texten ganz offen gegeüber zu treten. Ich freue mich drauf und bin total gespannt, was die Leute aus der Gruppe so beitragen. Das sind alles Erwachsene - vll wäre es cool, die Kids aus dem GU dabei zu haben. Ich muss darüber mal nachdenken ...

Dienstag, 6. Oktober 2009

Alltag? - nee, nich wirklich

Heute hab ich mal Zeit, meinen Blog auf Vordermann zu bringen. Seit meiner Ordination sind wirklich schon anderthalb Monate ins Land gegangen - ein Wahnsinn. Und tatsächlich, Alltag ist bisher nicht in Sicht. Ich bin nicht mehr nur am Hecheln und hinterherjagen. Die Vorbereitungen für die Gottesdienste laufen gut und ich schaffe es sogar, mich hin und wieder zu erholen. Aber Alltag ist das nicht. Und das ist auch gut so - diese berühmt gewordene Phrase passt doch wirklich an vielen Stellen im Leben.

Ich war in Potshausen, zur Pastorenstudientagung. Thema - Kirche, so! oder auch anders? Und natürlich ging es vor allem um emerging church. Eines meiner Lieblingsthemen. Dagmar Wegener und Carsten Hokema waren die Referenten. Es ist schade, dass die Zeit immer so begrenzt ist. Das Thema ist so groß, da könnten wir eine ganze Woche drüber referieren und debattieren und würden dennoch nicht zum Ende kommen.
Wie kann Kirche in Bewegung kommen und/oder bleiben? Wie kann Kirche in der heutigen Zeit relevant sein oder werden? Dürfen wir uns dem mainstream anpassen oder müssen wir profiliert unser eigenes Ding machen? Oder gibt es ein Dazwischen? Und was ist mit der Gefahr der Beliebigkeit? Und wie gehen wir miteinander um? Was ist mit denen, die bei eventuellen Veränderungen auf der Strecke bleiben?
Meine Haupterkenntnis - eigentlich eher eine Vertiefung des bisher Gewussten - ist die Tatsache, dass wir Zeit haben. Wir müssen und dürfen uns nicht hetzen lassen. Hetze bestimmt den Alltag vieler Menschen heute - Langsamkeit ist für mich ein wichtiges Stichwort im Zusammenhang mit ec. Back to the rules. Die Wüstenväter und Mütter waren ein weiteres Stichwort, das immer wieder fiel. Die Menschen hatten zu allen Zeiten die Sehnsucht nach Ruhe und Besinnung, nicht erst wir heute. Doch ich habe den Eindruck, dass es heute schwieriger ist, in der Laustärke und den vielen Ablenkungsmöglichkeiten (die ja auch ihre Berechtigung haben und teilweise sehr hilfreich sind) Ruhe und Abschalten zu finden. Ich sehne mich nach Kontemplation und Einkehr, da bin ich mit Sicherheit nicht allein auf der Welt.
Uns ist als Christen zugesagt, Licht und Salz in der Welt zu sein - also sollten wir nicht so tun, als müssten wir hinter den anderen herhecheln, sondern uns auf unsere Stärken besinnen. Unsere Stärke ist nicht Entertainment - das können andere besser. Sicher gibts auch eine Menge guter Entertainer unter uns, doch es ist mit Sicherheit nicht unsere Bestimmung, die Menschen um uns herum zu bespaßen.
Doch was ist unser Auftrag, unsere Bestimmung? Eine Andacht von Daggi auf unserer Tagung beschäftigte sich mit dem Werden Jesu auf der Erde - vom Mutterbauch über das Säuglingsdasein, das Teenageralter, bis er schließlich seiner Berufung und Bestimmung gemäß das Evangelium verkündete. Ich meine, das brauchte doch auch alles Zeit, da gabs doch keine Eile, kein "komm, diesen Entwicklungsschritt überspringen wir jetzt mal, wir haben keine Zeit zu verlieren". Sondern alles nach und nach. Oh man, das finde ich wirklich gut und es wäre cool, wenn wir es schafften, diese Langsamkeit wieder zu finden. Vielleicht ist das eine gute Gelegenheit, unsere Berufung zu erkennen und unserem Auftrag gemäß Gemeinde Gottes zu sein.

Dienstag, 25. August 2009

Es ist vollbracht

Nun ist es also geschehen. Ich bin ordinierte Pastorin des BEFG in Deutschland K.d.ö.R., und das im Anfangsdienst.

Es war ein geniales Wochenende mit meinen Freunden und meiner Familie hier in Bremen. Es war ein genialer Gottesdienst und ich bin immer noch ganz berührt und bewegt, von den vielen eindrücklichen Begegnungen, den guten Wünschen und der tollen Feierei.
Die Bremer können feiern, soviel ist gewiss!

Stefan Stiegler, mein Freund und Mentor aus Studientagen (meine Güte, wie das klingt!), hielt die Predigt und nahm die Ordination vor. Es war unglaublich und ein sehr intensives Erleben.

Nun bin ich ordiniert und es fühlt sich GUT an.
Ich empfinde die Herausforderungen des Berufes als ein großes Geschenk.
In den Gesprächen mit den Menschen um mich herum, in den Momenten, wo Leute einfach ein offenes Ohr brauchen und/oder ein tröstendes Wort, in diesen Momenten weiß ich, dass ich hier richtig bin. Wenn ich an der Predigtvorbereitung sitze und so manche Stunde verstreicht, in der ich vor allem über die Relevanz des christlichen Glaubens für die Welt nachdenke, dann merke ich, dass ich angekommen bin. Wenn ich mit Kollegen und Mitarbeitern über verschiedene Fragen des Miteinanders nachdenke und über etische Fragen diskutiere, stelle ich fest, das ist es, was ich tun will.

Oh wie bin ich beschenkt und dankbar dafür.